Sie kamen nicht als Fremde, aber sie gingen als Freund*innen.

Ein Rückblick von Organisator Christian Hetterich auf das Spiel der Wiener Sport-Club Frauen gegen FC St. Pauli 1. Frauen
Foto: Christopher Glanzl

Kaum zu glauben, dass schon wieder eine ganze Woche ins Land gezogen sein soll, seit wir ein österreichweit vielbeachtetes Frauenfußballspiel organisiert haben.  Es sind so viele Eindrücke auf die Spielerinnen, auf die Fans im Stadion und natürlich auch auf mich eingeprasselt, dass sich kaum in Worte fassen lässt, was ich seit diesen wunderbaren Tagen empfinde und vor allem über Menschen gelernt habe.

Wehmütig blicke ich auf dieses unvergessliches Wochenende zurück, das viele von uns für immer in lebendiger Erinnerung behalten werden. Einige Sportclubspielerinnen haben mir anvertraut, dass der 25. Mai 2019 der schönste Tag in ihrem Leben gewesen sei.  Unsere Kapitänin Barbara Pschill schrieb mir etwa, dass alles so schnell vergangen sei und sie am liebsten die Zeit zurückdrehen würde, wenn sie nur könnte. Doppeltorschützin Lare Ahmad fand zwei Nächte später vor lauter Euphorie immer noch keinen Schlaf. Eine langjährige Sportclubanhängerin verriet mir, dass dies eines der schönsten Erlebnisse für sie war, seit sie den Sportclubplatz besucht.

Gerade weil die Zeit so schnell vergehen würde, war es mir besonders wichtig, dass die 26-köpfige Delegation der FC St. Pauli 1. Frauen für drei Tage in Wien verbleiben würde. Kein Husch Husch, raus aus dem Flieger und rein ins Trikot, sondern chillen, kicken, abfeiern und danach in Wien die Seele baumeln lassen können.

Zuerst einmal hat Pia unsere Gäste vom Flughafen abgeholt und sie zur Stadionbesichtigung nach Dornbach gebracht. Am Sportclubplatz gab es ein Picknick am heiligen Rasen mit Bier und belegten Brötchen.

Am Matchtag gab es zuerst ein gemeinsames Mittagessen im Gasthaus Brandstetter, ehe wir das St. Pauli-Team mit einem Reisebus vom Hotel zum Stadion kutschiert haben. Nach dem Spiel konnten alle Spielerinnen noch für zwei Stunden ein Bad in der völlig euphorisierten Menge nehmen, ehe es wiederrum mit dem Bus zur Playersparty in die Bar "Das Jetzt" ging. Nur soviel dazu: in der dritten Halbzeit erzielten die Hamburgerinnen das 4:3 und 5:3. 

Komischerweise verpasste die eine oder andere St. Pauli-Spielerin das Frühstück. Dafür gab es eine Stadtführung durch FCSP-Torhüterin Michaela Seidl, die seinerzeit beim Sportklub Fußball spielen gelernt hat und seit einigen Jahren mit ihrer Familie in Hamburg lebt. Ab Nachmittag trafen wir uns dann noch in der Strandbar Herrmann auf ein Abschlußgetränk und auf ein letztes Gruppenfoto. Die Verabschiedung fiel schwer!

Viele Sportclubfans freuten sich riesig, dass sie sowohl die Hamburgerinnen als auch unsere Spielerinnen kennenlernen durften. Ich habe so viele Leute gesehen, die Selfies geschossen haben, mit ihren Familien, mit Spielerinnen, mit Freunden. Kurzum, es war ein echtes Fußballfest!

3.511 Zuschauer*innen. Was für eine Kulisse! Keine Spielerin am Platz hat jemals in ihrer Karriere vor einem größeren Publikum spielen dürfen. Die St. Pauli-Frauen hatten einmal 1.100 Zuschauer beim Hamburger Pokalfinale, wir 800 Besucher in der Relegation im Jahr 2017. 

Die Stimmung im Stadion war von Anfang an sehr gelöst. Die allermeisten Besucher kamen zum ersten mal zu einem Frauenfußballspiel und niemand konnte vorher wissen welche Eindrücke auf uns alle einwirken würden.  Da waren zuerst einmal die Ehrungen der Meisterinnen. Man hat vor allem unserer Wiener Sport-Club 1B und den jungen Austrianerinnen angesehen, dass das ein tolles Erlebnis für sie war.

Nachdem das Sportclub-Publikum eher ein „Zu spät kommen“-Publikum ist, füllten sich die Plätze erst kurz vor Spielbeginn. Als es dann endlich unter den Glockenschlägen von Hells Bells losging, ist mir ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen.

Elf Monate nach dem ersten Kontakt mit St. Pauli-Betreuerin Wibke Herzog, einem spontanen Kennenlernbesuch in Hamburg und nach Monaten des Werbetrommelrührens und des unermüdlichen Versuchs den Vorurteilen Paroli zu bieten und trotz aller entgegengebrachter Skepsis jeden Tag aufs Neue Menschen für unsere Sache zu begeistern, wurde der Traum von einem Fest wie diesem Wirklichkeit.

Spätestens beim umjubelten Führungstreffer zum 3:2 durch Lare Ahmad, die ich in der Zeit seit meinem Einstieg als Hauptsponsor als Mensch so liebgewonnen habe, konnte auch ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Gerade in diesem Moment haben sich alle Entbehrungen bezahlt gemacht und nie zuvor in meinem Leben habe ich eine solche Dankbarkeit empfunden.

Dankbar bin ich auch dafür, dass die FC St. Pauli-Frauen ihre beiden großartigen Fanclubs „Ey die Hunde“ und „Die üblichen Verdächtigen“ im Schlepptau mitgenommen haben. Ich habe hier einige großartige Menschen kennenlernen dürfen, allen voran Jürgen und Matthias, mit denen das gemeinsame Bier besonders gut schmeckt, weil sie einfach so leiwand sind.

Ich habe in den letzten Monaten viel gelernt. Heute ist mir klar, dass man jeden und jede einzeln an der Hand ins Frauenfußballstadion führen muss. Die breite Zahl an herablassenden und gar sexistischen Kommentaren muss man diskussionslos ausblenden und unbeirrt weitermachen, es niemals sein lassen wollen. Will man etwas Großes bewegen, darf man es nicht zulassen, dass Energievampire zubeissen können. Wir haben am 25. Mai Geschichte geschrieben und der Frauenfußball in Österreich ist seit diesem Tag nicht mehr der, der er vorher war.

Ja, es ist möglich die Massen zu bewegen, wenn Frauen Fußball spielen. Es ist möglich und es ist geradezu unsere Pflicht hier direkt anzuknüpfen und die nächste große Veranstaltung zu planen. Wir dürfen diese Momente in vollen Zügen genießen, aber wir können es uns nicht leisten uns zurückzulehnen. Jeder und jede hat mit eigenen Augen gesehen wie gut Frauen kicken und wie sehr sich ihre Werte in diesem wunderbaren Spiel, das wir alle so lieben, widerspiegeln.

Es war bisher zumindest auf Clubebene eine Schande, dass sich die Bevölkerung nicht für die Spiele interessiert hat. Wir haben in Österreich keine Fußballkultur wie sie beispielsweise im Männerfußball in Deutschland, England oder in den Niederlanden gelebt wird. Wir haben aber die Chance eine Frauenfußballkultur zu entwickeln. Diese spontane, ehrliche und unverfälschte Freude der Spielerinnen, die auf das Publikum übergesprungen ist, ist das absolute Alleinstellungsmerkmal und unser künftiger Nährboden für ebendiese neue Kultur.

Wir alle haben einfach Lust darauf einen Ort aufzusuchen, an dem die vielen negativen Einflüsse unseres Alltags wenigstens für Momente verschwinden. Wir wollen in Frieden in unsere Wurstsemmel beißen, unser Bier mit lieben Menschen genießen und einfach aufatmen. An einem solchen Ort fühlen wir uns inspiriert und das haben wir uns einfach verdient.

Zudem haben am 25. Mai viele Eltern zum ersten mal ihre Kinder ins Stadion mitgenommen und ich weiß von einigen Leuten, dass die Kids begeistert waren. Für diese jungen Menschen wird der Frauenfußball später eine Selbstverständichkeit sein. Das klingt beruhigend, nicht wahr? 

Abschließend möchte ich mich bei Wibke Herzog und ihrem tollen Team der FC St. Pauli 1. Frauen bedanken. Ihr seid eine so tolle Truppe, die uns schon in Hamburg so überaus herzlich empfangen hat. Bitte bewahrt euch euren Teamgeist, eure Leidenschaft fürs Kicken und vor allem auch eure Feierlaune. Wann immer wir uns an diese gemeinsam Tage erinnern werden, werden wir dies in Dankbarkeit tun.

Schade, dass Wibke und das Trainerteam in Wien ihre Abschiedsvorstellung gegeben haben. Wir werden aber in Verbindung bleiben und bald schon in Hamburg zu einem Spiel in der Regionalliga kommen und #allezusammen ein Bier trinken. Oder zwei.


Wien, 2. Juni 2019

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